Fest Thema 2018

PLATZ FÜR ALLE!

Ich bin schwarz, bisexuell, gender-queer und habe zusätzlich noch eine körperliche Behinderung. All diese Facetten bereichern mein Leben ungemein. Ich nehme sie überall hin mit und jede nimmt gleich viel Platz ein. Der Mensch ist unglaublich vielfältig und genau das macht uns aus. Hier sind drei meiner Erlebnisse, die mir zum Thema Platz in den Sinn gekommen sind.

Platz in der Stadt:
Nach einer langen, verletzungsbedingten Pause mache ich mich wieder auf dem Weg zur Arbeit an die Pfingstweidstrasse. Das 8er-Tram hat nun endlich immer zumindest einen Niederflurwagen und ich muss nun nicht mehr zwingend mit meinem Handrollstuhl zu meinem Arbeitsplatz düsen. Die Freude hält nicht lange an, denn: Die Tramstation, die meiner Wohnung am nächsten ist, wurde noch nicht umgebaut. Die Stationen davor und danach sind erhöht, doch wenn ich so weit rollen muss, kann ich genauso gut “von Hand” zu meinem Arbeitsplatz rollen. Die Stadt hat zwar an mich gedacht und doch scheint sie dies nicht zu Ende getan zu haben. Kein Platz für meinen Körper.

Platz in den Köpfen:
Am Montagmorgen, nach einem wundervollen Wochenende an der Zürich Pride, beschliesse ich den Nagellack den ich noch an meinen Fingern habe nicht zu entfernen und so zur Arbeit zu gehen. Dabei werde ich im Verlauf vom Tag immer wieder gefragt, wieso ich denn meine Nägel lackiert habe. Meist wird die Frage von einem dummen Spruch begleitet: “Hast du dir die Finger bei einer Türe eingeklemmt, dass die Fingernägel so violett aussehen?” Die ersten paar Male schaffe ich es noch zu Antworten: “Weil sie gut aussehen, Punkt!” Doch die Sprüche hören nicht auf. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass ich mir freiwillig meine Nägel anmalen würde.

Platz in der Sprache:
Ein schweizer Komiker macht auf der Bühne einen Witz über spanisch sprechende Putzfrauen. Die Putzfrau in seiner Geschichte ist arm und spricht gebrochen Deutsch. Das ist die Pointe des Witzes. Das Publikum von 400 Zuschauern lacht sich schlapp. Mein Cousin und ich schweigen. Unsere beiden Mütter sind spanisch sprechende Putzfrauen.

All dies Anekdoten haben mich auf unterschiedliche Art und Weise persönlich getroffen. Die einen Erlebnisse vielleicht etwas mehr als die anderen. Doch die Aussage, auch wenn es vielleicht nicht so gemeint war, hinter all denen ist klar: Du bist hier fehl am Platz. Dies möchte ich ändern. Dies müssen wir ändern. Wir können nicht immer wissen, ob die Plätze, die wir für unsere Mitmenschen schaffen, für ihre Lebenssituation geeignet sind und ob sie sich darin auch willkommen fühlen. Aber wir sollten unser Bestes geben, dies zu versuchen. Selbstverständlich müssen wir dabei nicht von Anfang an fehlerfrei und perfekt sein solange wir dieselben Fehler nicht immer wiederholen, obwohl wir es besser wüssten. Dabei ist es besonders wichtig den Menschen zuzuhören und ihre Erfahrungen zu berücksichtigen. Platz für alle. Sei dies in unserer Stadt, in unseren Köpfen oder in unserer Sprache.

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Autor

EDDIE RAMIREZ ist ein Zürcher Stand Up-Comedian mit Eltern aus der Dominikanischen Republik und Spanien. Er erzählt mit wortgewandter Selbstironie und Charme von seinen alltäglichen Erlebnissen als Rollstuhlfahrer und queerer Afro-Latino. In seiner Freizeit führt er gerne angeregte Gespräche zu Comics, Video Games und Fantasy und Sci-Fi Literatur durch eine queerfeministische, anti-rassistische Linse.