Warum wir feiern

Geschichte

Wo früher einmal Autos brausten, wird heute alljährlich für zwei Tage im August bis in die frühen Morgenstunden gefeiert.

Was einst als hartnäckige Aktion zur Verkehrsberuhigung des Röntgenplatzes begann, hat sich in den letzten Jahren zu einem stetig wachsenden Grossanlass gemausert.

Die Liste der Künstler, die in den letzten Jahren auf dem Röntgenplatz ihren Auftritt hatten, nimmt sich schon fast wie ein «who is who» der schweizer Musikszene aus: Radio 200'000, Hank Shizzoe, Merfen Orange, Michael von der Heide oder die Acapickels, um nur einige zu nennen. Aber auch internationale Acts sind immer mal wieder auf dem Röntgenplatz zu sehen und zu hören. Wer erinnert sich nicht an die Konzerte von Edoardo Bennato oder Habib Koité, der trotz strömendem Regen den Platz so richtig zum Kochen brachte.

Die Anfänge

Eine kleine Verkehrskunde

Was heute als selbstverständlich gilt, schien noch Anfang der 80er Jahre völlig undenkbar: ein verkehrsfreier Röntgenplatz.

Paul Schmuki war massgebend an der damaligen Entwicklung zu einem verkehrsberuhigten Quartier beteiligt und skizziert im Nachfolgenden die Stationen einer Wahrwerdung eines Traums.

Utopisches am 1. Röntgenplatz-Fest 1980

Jede verwirklichte Idee war einst Utopie. Das war auch beim Röntgenplatz so. Als ich zum ersten Mal davon hörte, dass der Röntgenplatz verkehrsfrei werden sollte und dass dazu ein grosses Fest geplant werde, glaubte noch kaum jemand wirklich daran, dass der Platz einmal verkehrsfrei werden würde. So wie man/frau sich das beim Schaffhauserplatz, beim Helvetiaplatz oder anderen Orten in der Stadt heute auch kaum vorstellen können.
In den 70er-Jahren wohnte ich noch an der Gasometerstrasse. Das Quartier litt am Verkehr, der sich durch die Quartierstrassen zwängte. Der Röntgenplatz war eine der gefährlichsten Kreuzungen, bei der von 6 Seiten die Strassen sternförmig zusammenliefen. Die Hauptverkehrsachse für den Verkehr vom Kreis 4 Richtung Sihlquai/Autobahnanschluss Zürich West führte über die Kreuzung und auch die Josefstrasse war noch durchgehend geöffnet. Durchgangs- und Quartierverkehr kreuzten sich so am Röntgenplatz. Verkehrsunfälle waren nicht selten, und immer wieder wurde verlangt, die Fussgängerübergänge besser zu sichern, allenfalls mit Lichtsignalanlagen.
Den Platz gleich ganz zu sperren war ein utopischer Gedanke. Genau an diese Idee wagte sich seit 1971 eine überparteiliche Arbeitsgruppe, bei der die SP 5 massgebend beteiligt war. Die Arbeitsgruppe wollte nicht nur den Röntgenplatz, sondern das ganze Quartier vom Durchgangsverkehr befreien. Ihre Pläne legte sie auch der Stadtverwaltung vor und stiessen beim damaligen Stadtrat Ruedi Aeschbacher bald auch auf einen interessierten Gesprächspartner.
1980 war es dann wenigstens für ein paar Stunden erstmals soweit. Für das 1. Röntgenplatzfest wurde der Platz für den Verkehr völlig gesperrt. Mitten auf der Kreuzung wurden am 27. September 1980 Bänke, Stände und eine kleine Bühne aufgestellt. An Informationswänden waren die Pläne aufgehängt, wie die neue Verkehrsführung vorgesehen war. Es war eine Willenskundgebung: So verkehrsfrei wie an diesem Samstag will die Bevölkerung im Kreis 5 den Röntgenplatz für immer. Und es war auch eine Solidaritätskundgebung: Die Leute, die rund um den Röntgenplatz wohnten und täglich Lärm und Gestank auszuhalten hatten, sollten sehen, dass ihr Wunsch nach mehr Lebensqualität ein Anliegen des ganzen Quartiers war.
Das Fest war ein grosser Erfolg. Die Quartierbevölkerung kam in grosser Zahl. Vor den Informationswänden bildeten sich Menschentrauben, und es wurde gelesen, beurteilt, gefragt und diskutiert. Später am Abend war der Infostand dann kaum mehr besucht, dafür wurde gegessen, getrunken, und bei Dixie und Blues weiter geplaudert.
Ich gebe zu, dass ich an diesem Fest noch immer nicht an den verkehrsfreien Röntgenplatz geglaubt habe. Die aufgehängten Pläne, die nicht nur einen verkehrsfreien Röntgenplatz, sondern ein ganzes Verkehrskonzept für den Kreis 5 zeigten, liessen mich zwar hoffen, dass aus dem Verkehrsquartier ein Wohnquartier werden könnte. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie der Verkehr auf dem Röntgenplatz zum Verschwinden gebracht werden sollte, ohne dass die anderen Quartierstrassen dadurch mehr belastet werden.
An diesem Fest habe ich mit vielen SP-Leuten aus dem Kreis 5 gesprochen und habe einige QuartierbewohnerInnen kennengelernt, deren Wege ich später immer wieder gekreuzt habe. Das 1. Röntgenplatzfest 1980 war auch eine Aktion zur Vernetzung der Bevölkerung. Das zeigte sich dann der folgenden Zeit, als es darum ging, trotz Widerstand aus Gewerbekreise den verkehrsfreien Röntgenplatz und das Verkehrskonzept für den Kreis 5 zu realisieren. Und als 1981 die Milchbuckbrücke ins Quartier geplant wurde, war die Bevölkerung im Widerstand «Alli gäge d’Brugg» sofort mobilisiert.
Es brauchte in den folgenden Jahren allerdings noch weitere Feste auf dem Röntgenplatz, bis die Utopie vom verkehrsfreien Röntgenplatz endlich Wirklichkeit wurde. Immerhin wurde jedes Jahr die Kreuzung an einem Wochenende gesperrt und der Röntgenplatz lebte. Die ersten Röntgenplatzfeste waren noch ein Gemeimtipp. Sympathisch fand ich immer auch den Quartierzmorge, der mitten auf dem Platz stattfand, auch wenn nur eine kleine Zahl von QuartierbewohnerInnen daran teilnahm. Ein verkehrsfreier Platz für einen gemütlichen Kaffee mit Zopf, Butter und Konfitüre.
Heute wohne ich direkt am Röntgenplatz und könnte, wenn ich wollte, jeden Tag auf mitten auf dem Platz zmörgele. Das RöplaFest ist mir immer noch wichtig. Wie 1980 als Willens- und Solidaritätskundgebung, heute jedoch für andere Projekte (bspw. für «Verrückt das Viakükt» oder für neue Verkehrskonzepte im Kreis 5). Utopische Ideen brauchen solche Feste. Und umgekehrt.



05.07.01 
Paul Schmuki